Ist das ein Comic?

Vergangenen Freitag habe ich an einem Vortrag über Comics teilgenommen. Dort wurde gefragt, wann wir eigentlich von einem Comic sprechen und was diesen besonders kennzeichnet. In der Diskussion wurden unterschiedliche Definitionen angesprochen. So wird der Comic beispielsweise zu einer erzählenden Bildfolge, einer räumlichen Sequenz von Bildern oder zu einer Bildgeschichte. Doch wir streifen nur die Oberfläche visueller Kunst. 
Ist das ein Comic?

Die Frage, die mich am meisten beschäftigt, ist die, ob wir überhaupt eine gesonderte Auseinandersetzung mit Comics benötigen? Comics sind großartig darin, die Lücken zwischen wahrgenommenen Inhalten durch ihre Form sichtbar zu machen. Sie schaffen Abstand zwischen den Teilen der Wirklichkeit und ermöglichen durch die Fähigkeiten von Einzelbildern eine Vermittlung von Informationen, die dem Rhythmus des Lesers folgen. Aber dabei bedienen sie sich lediglich bei den Mitteln der Dekonstruktion der Wirklichkeit und den Formen von Einzelbildern.

Mir fällt es sehr schwer, einen Comic von einem Einzelbild zu unterscheiden, denn das, was uns als Comic präsentiert wird, vielleicht in Panels aufgeteilt, ist letztendlich ebenfalls nur eine visuelle Erfahrung. Comics machen die Grenzen der Einzelwahrnehmung etwas deutlicher, aber mehr auch nicht. Und jetzt stellt sich für mich die Frage, weshalb die Grenzziehung als eigenes analytisches Medium aufgefasst werden muss. Können wir uns nicht darauf konzentrieren, visuelle, narratologische und rhetorische Aspekte als virtuelle Verbindung zu analysieren, ohne gleich davon auszugehen, dass es sich bei dieser Verbindung um ein vollkommen neues Medium mit neuen Werkzeugen handelt? Das ist die erste Frage, die ich mir in diesem Zusammenhang stelle.

Die andere Frage ist viel umfassender: Ist Literatur nur eine besondere Form des Comics? Die Frage ist mir gekommen, als ich darüber nachgedacht habe, in welcher Weise sich beispielsweise Hieroglyphen, die chinesische Schrift oder die Keilschrift von frühen Bildergeschichten abheben? Und es gibt meines Erachtens nach kein gutes Abgrenzungsmerkmal. So könnte man davon ausgehen, dass ägyptische Hieroglyphen ebenso Comics sind, wie die Höhlenmalereien der Cro-Magnon-Menschen.

Aber weiter gedacht erscheint es mir interessant, in welcher Weise sich beispielsweise die lateinische Schrift von Comics abgrenzt? Und auch dort sehe ich nicht wirklich ein gutes Abgrenzungsmerkmal. Zwar besitzen einzelne Buchstaben für sich genommen zwar keine bildliche Bedeutung mehr. Aber sie bekommen Bedeutung durch ihren Kontext. Dasselbe gilt aber auch für einen einzelnen Punkt oder einen einzelnen Strich eines Bildes.

Häufig wird sich darüber lustig gemacht, dass Comics keine richtige Literatur sind. Aber vielleicht sollte man eher davon ausgehen, dass Literatur keine gut gemachten Comics sind, da Bildfolgen wesentlich länger bestehen.

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