Das Mädchen und der Wald

Eigentlich ist diese Geschichte nur entstanden um ein Mädchen zu beeindrucken. Nicht unbedingt der schlechteste Grund ein Märchen zu verfassen. Natürlich bin ich nicht ganz zufrieden damit. Ich brauche zu lange um zum Schluß zu kommen und auch so sind einige Formulierungen wieder mehr als holprig. Aber am Ende ist es eine gute Geschichte, dafür dass ich sie mir im Stegreif überlegt habe. Das Mädchen war am Ende übrigens ganz zufrieden damit. 

Es war einmal im Dorf. Es war kein großes Dorf und es lag mitten an der Grenze zu einem gigantischen Wald. Natürlich lebten die Leute vom Jagen und Sammeln, doch versuchten sie nie zu tief in seine Pfade zu wandern. Man wusste ja nie, welche Gefahren dort lauerten. Doch in einer der stürmischten Nächte, die das Dorf je erleben musste, kam ein Mädchen zur Welt, wie sie noch nie im Dorf geboren wurde. Je mehr sie heranwuchs, desto mehr wurde klar, dass sie eigentlich  für ein kriegerisches Leben bestimmt war, nur war sie leider in einem kleinen friedlichen Dorf geboren. Ihre Knie waren stets aufgeschürft, ihre braunen Haare stets verdreckt und ungekämmt. Als die Frauen ihr das Korbflechten beibringen wollten, flechtete sie sich sogleich einen Köcher für ihre Pfeile. Als man ihr zeigen wollte, wie sie für ihren zukünftigen Mann kochen sollte, konzentrierte sie sich lieber auf den anatomischen Aufbau der Schlachttiere und suchte nach ihren Schwachpunkten. Unter ihrem Bett hatte sie ein Kästchen, wo sie die ausgeschlagenen Zähne der anderen Dorfkinder aufbewahrte. Irgendwann gaben ihre Eltern und der Rest des Dorfes auf, aus ihr eine Frau für Haus und Hof zu machen und ließ ihren Willen freien Lauf.
Eigentlich war sie ständig in Bewegung, stieg auf Bäume, schwamm in Flüßen und grub nach allerlei Käfern und Getier. Nur Nachts am Lagerfeuer saß sie still, wenn die Dorfältesten von den mystischen Tieren erzählten, die angeblich in den tiefsten Tiefen des Waldes leben sollten. Onyxhirsche mit schwarzen glänzenden Hufen und Geweih, so groß, dass sie ganze Tannen mit ihren Schaufeln umwerfen konnten. Fenchelvipern, die meterlang und giftig waren, deren Schuppen in der Sonne wie Smaragde leuchteten. Aber am liebsten hörte das Mädchen die Geschichte vom gigantischen Taurenbären, der das krumme Horn eines Widders trug und mit seinen riesigen Pranken ganze Wolfsrudel erschlagen konnte. Es waren Legenden und Geschichten, aber das Mädchen schwor sich diese Tiere zu jagen und zu erlegen, da sie wie die Herausforderung wirkten, die sie ihr ganzes Leben lang suchte.
Mehrere Sommer und Winter lang ging das Mädchen bei den besten Jägern des Dorfes in die Lehre, baute sich Messer und Bögen, lernte die Flora und Fauna der Waldgrenze kennen. Als sie meinte, genug gelernt zu haben, beschloss sie tief in den Wald zu wandern, und mit den erlegten Kreaturen wiederzukehren. All das Flehen ihrer Eltern konnte sie nicht vom Gegenteil überzeugen. Das Mädchen ging und die Tage und Nächte hielten ihren steten Einzug in das Dorf.
Nachdem mehrere Wochen vergangen waren, begangen die Eltern ihre Tochter zu besingen und baten die Götter darum, ihr Kind doch wieder zurückzubringen. Erst nachdem die Blätter an den Bäumen langsam ihre grüne Farbe gegen rote und braune Farben tauschten, tauchte an der Lichtung des Waldes eine Gestalt auf. Ein Arm war in eine Schlinge gewickelt und die Person zog eine Trage hinter sich her. Darauf lag ein erlegter Onyxhirsch, mehrere Pfeile steckten noch in seinem großen Körper. Es war das Mädchen. Ihr Gesicht war geschunden, aber sie grinste breit, als ihr die ersten Dorfbewohner entgegenliefen. Das Dorf feierte ausgelassen ihre Rückkehr, mit Tanz, Gesang und herzhaften Hirschbraten. Der Dorfälteste ernannte das Mädchen zur größten Jägerin des Dorfes. Das Mädchen blieb und ließ ihren Arm und Wunden heilen. Doch kaum konnte sie wieder problemlos Bäume erklettern und Bögen spannen, machte sie sich erneut auf in den Wald. Mittlerweile war der Herbst eingezogen und tagelang regnete und donnerte es.
Eines Nachts, als es wieder besonders ausgiebig stürmte und Wasser aus den Wolken prasselte, klopfte es an der Dorfhalle. Viele Leute hatten dort Unterschlupf und Wärme gesucht. Als man die schwere Tür öffnete, trat eine vermummte Gestalt ein, in der Hand einen prall gefüllten Sack. Die Person warf den Sack vor die Füße der Dorfbewohner und dabei klirrte es, als ob tausend Scherben auf den Boden prasselten. Ein mutiger Mann ging zum Sack und öffnete ihn. Als er hineingriff zog er die grünen schimmernde Haut einer Fenchelviper hervor, das Licht des Feuers brach sich in jeder einzelnen grünen Schuppe. Mittlerweile hatte sich die Gestalt von ihrer Kapuze befreit und zum Vorschein kam das Mädchen, im Gesicht ein wenig vernarbter als vor ihrer Reise, aber trotzdem noch breit grinsend und mit wilden Locken auf ihrem Kopf.
Erneut wurde groß gefeiert, Liedermacher widmeten ihr ganze Sonette, es wurden Banner und Tücher mit ihrem Antlitz gewebt. Doch das alles kümmerte das Mädchen nicht. Sie konnte nur daran denken, endlich diesen einen Gegner zu erlegen, der ihr ebenwürtig sein würde. Der Taurenbär. Die ersten Flocken deckten das Dorf mit einer Schicht von Schnee, als das Mädchen erneut in den Wald zog.
Der Winter zog ein ins Land und selbst die hintersten Ecken des Waldes waren von einer tiefen Schneeschicht bedeckt. Das Mädchen ließ sich nicht davon beeindrucken und machte sich tagtäglich auf die Suche nach dem Bären, oder wenigstens seinen Spuren. Ihre Vorräte waren bald aufgebraucht und das Suchen nach Nahrung war nicht gerade einfach in dieser Umgebung. Sie war kurz davor ihren Rückzug anzutreten und vielleicht bis zum Sommer zu warten um den Bären zu finden, doch selbst die Rückkehr war in dieser Witterung ungewiss
Eines Morgens wurde sie von einem grollenden Geräusch geweckt. Etwas brüllte in einer Lautstärke, wie sie es noch nie vernommen hatte. Es musste der Bär sein. Sie packte ihr Messer und ihren Bogen ein und machte sie auf den Weg. Bald schon entdeckte sie auch Spuren, doch nicht nur die des Bären, sondern auch kleinere. Schließlich blickte sie von einem Hügel auf eine kleine Lichtung. Ein Rudel Schattenwölfe war dabei ihre Beute zu umzingeln. Es war ein gigantischer Taurenbär, der mit Leichtigkeit die dreifache Größe seiner Gegner hatte. Sein Fell blutete an mehreren Stellen und ein Hinterbein schien schwer verletzt.
Das Mädchen hatte ihr Ziel erreicht. Ein Taurenbär, und sogar schwer verletzt. Hat sie erst einmal die Wölfe vertrieben, hätte sie leichtes Spiel mit ihm. Sie spannte den Bogen und legte an. Der Pfeil traf einen der Wölfe direkt in den Hals. Tot sackte er zu boden. Das restliche Rudel wandte sich sofort an den neuen Angreifer, doch der Bär nutzte die Verwirrung und mobilisierte seine Kräfte um 2 Wölfe mit einem Prankenhieb gegen die Bäume zu schleudern. Auch sie fielen tot zu Boden. Das restliche Rudel entschied nicht mit noch mehr Verlusten aus dieser Sache zu gehen und rannte tief in den Wald. Das Mädchen begann mit gespannten Bogen dem Bären entgegen zu gehen. Dieser war in sich zusammengesackt, atmete schwer und weißer Dampf stieg aus seinen Nüstern. Das Mädchen betrachtete ihn eingehend. Eines seiner Hörner war abgebrochen, seine Schnauze von alten Narben gezeichnet, es schien ein älteres Exemplar zu sein.
Langsam ging sie immer weiter Richtung Bär. Als der Bär sie ausmachte, versuchte er kurz sich aufzurichten, aber brach unter seinem eigenen Gewicht wieder zusammen. Er brüllte ein letztes Mal verzweifelt. Beide blickten sich direkt in die Augen. Dem Mädchen schien es so, als ob der Bär aufgegeben hatte, er wusste, dass er nicht mehr davon kommen konnte. Sie blickte ihm eine ganze Weile an. Dann ließ sie langsam den Bogen sinken. Ein paar Meter vor der Schnauze des Tieres nahm das Mädchen Platz. Der Bär hob seine Stirn als er neugierig beobachte, was das Wesen vor ihm da trieb.
Lange saß das Mädchen nur da und starrte auf den Bären. Das wofür sie all die Jahre trainierte, wofür sie aufstand und lebte, lag jetzt vor ihr. Sie war an ihrem Ziel. Und doch fühlte es sich nicht richtig an. Nicht nur weil er verletzt und damit im Nachteil war, sondern auch so schien ihr in diesem Moment, dieses Tier viel zu schön und viel zu bedeutend um ihm so einfach das Leben zu nehmen. Was sollte sie nun tun? Das Tier von seinem Leid erlösen? Heimkehren? Sie war ratlos. 
Nach einiger Zeit stand das Mädchen auf und ging. Der Bär beobachtete sie , wie sie hinter dem Hügel verschwand und senkte seinen Kopf wieder auf den Boden. Nicht mehr lang und er könnte endlich den langen Schlaf schlafen.
Der Bär hatte seine Augen geschlossen und war eigentlich schon sicher den langen Schlaf gefunden zu haben, als er durch ein Rascheln vor ihm geweckt wurde. Das Wesen war wieder da, doch diesmal hatte sie Beutel und noch mehr Dinge dabei. 
Das Mädchen hatte ihr Lager abgebaut und nahm es mit zum Bär. Sie wusste noch nicht genau was sie da tat, aber es fühlte sich gerade richtig an. Erst spannte sie ihre Felle an den Bäumen um sich und den Bären einen Schutz vor dem Schnee zu geben. Jedes Mal wenn sie sich dafür den Bären nähren musste, knurrte und brummte er laut.
In ihren Beuteln fand das Mädchen noch ein wenig Trockenfleisch. Es nahm einen Bissen und legte den Rest vorsichtig in die Nähe der Bärenschnauze. Anfangs vernahm sie nur das übliche Gnurren, doch bald kam aus den Nüstern ein deutliches Schnuppern und mit einer schnellen Bewegung war das Fleisch im Maul des Bären verschwunden. Er schnupperte in der Hoffnung noch etwas übersehen zu haben und sackte dann enttäuscht in sich zusammen.
Als die Nacht hereinbrach machte sie das Mädchen daran Hölzer zu sammeln und baute sie in der Mitte vor sich und dem Bären auf. Der Bär beobachtete interessiert das Treiben. Doch als das Mädchen sich daran machte das Feuer mit ihren Zündzeug zu entfachen, versuchte der Bär panisch sich aufzurichten und sich von dem Feuer zu entfernen. Das Mädchen hob beschwichtigend die Hände und ging langsam auf den brüllenden Bären zu
Der Bär versuchte sich mühsam auf seine Vorderpfoten zu stemmen um sich vor dem Mädchen aufzurichten. Langsam bewegte sich das Mädchen mit einer Hand vor, kurz davor die Schnauze zu berühren. Erst hörte sie noch das Knurren, dann ein langes Schnauben. Mit einer mutigen Bewegung berührte das Mädchen die Schnauze des Bären. Er weichte nicht zurück. Langsam begann sie ihre andere Hand auf den Kopf des Bären zu legen. Sie fühlte sein dichtes warmes Fell. roch seinen erdigen schweren Duft. Sie begann ihn langsam zu kraulen, streichelte sein Fell. Der Bär sank langsam nach unten, ein kehliges Geräusch von sich gebend.
Am nächsten Morgen wurde der Bär von einem schmerzhaften Ziehen in seinem verletzten Bein geweckt. Als er seinen Kopf nach hinten drehte sah er das Mädchen wie es damit beschäftigt war, Kräuter und Stoffe um seine Wunden zu legen. Er brüllte und versuchte sich zu winden, aber das Mädchen ließ sich davon nicht beeindrucken. Erst als sie alles sicher verknotet hatte, ließ sie ab von ihm.
Die nächsten Tage verbrachten sie beide in Stille vor dem Feuer, ab und zu verschwand das Mädchen um dann einen Tag später mit erlegten Rehen oder Kaninchen zurückzukehren. Der Bär fühlte, wie sein Körper zu neuen Kräften kam, sein Beine wieder langsam sein Gewicht tragen konnten. Immer wieder stand er kurz auf, drehte sich im Kreis, leckte sich sein Fell oder schnupperte ein wenig im Schnee, um nach kurzer Zeit sich wieder in der Nähe des Feuers legen. 

Der Winter lag in seinen letzten Tagen als der Bär merkte seine alte Kraft erreicht zu haben. Er zog und biß an seinen Umschlägen und befreite sich nach einem langem Kampf. Das Mädchen beobachtete ihn dabei schweigend. Er bewegte sich auf sie zu, schnupperte an ihrem Gesicht und begann dann seinen schweren Kopf an ihr zu reiben. Sie wurde von dem Gewicht auf den Boden gedrückt, doch begann erneut seine Lieblingsstellen hinter den Ohren zu kraulen. Er sah sie ein letztes mal lang an, drehte sich um und ließ ein gigantisches und majestätisches Brüllen von sich. Dann verschwand er mit schweren Schritten langsam im Wald . Das Mädchen sah ihm noch lange nach, und begann dann ihr Lager abzubauen. Sie atmete die kalte frische Luft ein und schloss die Augen. Dann ging sie in eine andere Richtung als der Bär. Aber auch tiefer in den Wald.  


Eine Antwort auf „Das Mädchen und der Wald“

  1. Sehr schön geschrieben.
    Ich hätte mir zwar ein anderes Gewünscht, aber trotzdem eine wirklich tolle Geschichte.
    Ich hoffe, dass Mädchen hat es auch gewürdigt!

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