Geisteswissenschaften, wohin soll das führen?

Ich bin der Auffassung, dass sich jede Wissenschaft die Frage nach ihrer Nützlichkeit stellen muss, weil die Wissenschaft nicht losgelöst vom Menschen betrachtet werden kann. Wenn Menschen also Wissenschaften betreiben, dann machen sie das immer auch unter dem Aspekt, dass sie menschliche Belange zufriedenstellen wollen; auch wenn Bedürfnisse wie beispielsweise Neugier oder Wahrheitsstreben ebenfalls wieder abstrakt ausfallen können.

Wenn ich jedoch von der Nützlichkeitsfrage spreche, dann möchte ich nicht nur, dass sich Wissenschaftler mit ihren persönlichen Zielen auseinandersetzen. Nützlichkeit beschreibt in diesem Zusammenhang den konkreten Grund für ihre Tätigkeit. Ich möchte auch, dass sie sich die Frage stellen, inwiefern ihre Forschung einen Einfluss auf den Alltag von anderen Menschen haben kann.

Geisteswissenschaften tendieren dazu, diese Frage in den Hintergrund zu schieben, weil sie die Nützlichkeit nicht als konkrete Kategorie ihrer Wissenschaftsbestrebungen begreifen. Für sie ist die Wahrheit und das Wahrheitsstreben im Vordergrund. Mit jeder Interpretation und jeder Analyse soll ein Stück Realität ausgegraben werden, das sich in unserem Alltag oder in unserer Vergangenheit verborgen hält.

Bevor ich jedoch meine Kritik daran äußere, möchte ich Wahrheit als Begriff näher betrachten. Wahrheit bezeichnet das, was wirklich passiert und passiert ist. Es geht darum, eine vollständige Vorstellung von unserem Umfeld zu erhalten. Gleichzeitig ergibt sich daraus auch eine der wichtigsten Funktionen von Wahrheit: Wir gehen davon aus, dass wir durch die Wahrheit bessere Entscheidungen treffen können, weil wir alle Aspekte einer Sache bei unserem Entscheidungsprozess miteinbeziehen können.

Niemand geht aber davon aus, dass Wahrheit wirklich erreicht werden kann. Wenn wir von einer Suche nach Wahrheit sprechen, dann wird diese Unerreichbarkeit immer mitgedacht. Die Wahrheitssuche hat sich allerdings dennoch zum Ziel gesetzt, unter diesen widrigen Bedingungen eine Vorstellung von der Welt zu entwickeln, die möglichst wahrscheinlich ist und anderen dabei helfen kann, zu verstehen, was wirklich geschieht und geschehen ist.

Ich möchte aufzeigen, dass die Suche nach Wahrheit nur unter dem Aspekt der Nützlichkeit eine Relevanz für die Gesellschaft besitzt. Die Suche nach Wahrheit kann deshalb meiner Ansicht nach nicht aus sich selbst heraus als Grund für Wissenschaftsbestrebungen herangezogen werden. Weiterhin schließe ich Naturwissenschaften bei dieser Kritik aus, da sie über ihre Methoden die angebliche Wahrheit ohne zu zögern durch neue Erkenntnisse ersetzen können. Nun aber zu den Argumenten.

Erstens: (Realität wird von Menschen unterschiedlich aufgefasst. Menschliche Werke können deshalb nicht als Grundlage für Wahrheit dienen. Und sie können deshalb auch nicht gut ausgewertet werden.) Im Englischen auch als narrative bias diskutiert, beschreibt dieses Phänomen unsere Tendenz dazu, für alles einen Grund finden zu wollen, um damit eine nachvollziehbare Geschichte für unsere Umwelt zu gestalten. Wenn wir aber davon ausgehen, dass wir alle nicht dieselben Erfahrungen machen und demnach bisher bereits eine unterschiedliche Vorstellung von der Wirklichkeit haben, dann führt das ebenfalls dazu, dass wir die vorgeblichen Fakten, die uns in Form von Quellen und gesichertem Wissen vorliegen, unterschiedlich betrachten.

Zweitens: (Wahrheit hat ein Übersetzungsproblem.) An die Schwierigkeit Quellen unabhängig von unserer Persönlichkeit zu betrachten, schließt sich an, dass wir auch die Wörter selbst nicht vollständig verstehen können. Sie wurden nicht nur in einem anderen kulturellen Zusammenhang geschrieben, sondern jeder Mensch hat durch seine Erfahrungen trotz seines Allgemeinwissens (Was ist gemeint, wenn ich von einem „Stuhl“ spreche) auch andere Vorstellungen von Wörtern (Wenn ich das Wort „Stuhl“ höre, wie geht es mir? Achte ich überhaupt auf mich, wenn ich das Wort höre?), die Einfluss auf unser Verständnis eines bestimmten Wortschatzes haben. Möglicherweise gehen wir auch davon aus, dass sie uns zugänglich sind, weil wir ihre Benutzung kennen oder ihre Benutzung erforscht wurde, aber diese Wortforschung unterliegt denselben Beschränkungen, wie die Suche nach der Bedeutung des gesamten Textes.

Drittens: (Wenn Wahrheit eingegrenzt wird, dann soll sie eine Funktion ausüben, die allerdings durch bestimmte Vorstellungen geprägt ist.) Wenn die Suche nach Wahrheit Informationen über eine bestimmte Zeit herausgefunden hat, dann besteht die Frage danach, wie diese Informationen bewertet werden sollen. Je nachdem welche Informationen miteinbezogen und welche vernachlässigt werden, entsteht dadurch ein bestimmter Blick auf eine Zeit. Diese Teilwahrheit kann gut belegt sein, aber gibt nur noch eine Tendenz an. Weiterhin kann durch neue Informationen wie neue Quellen die Teilwahrheit relativiert werden.

Viertens: (Teilwahrheiten sind keine gute Grundlage für eine Gesellschaft.) Teilwahrheiten sind unsere einzige Möglichkeit, die Geschichte zu betrachten. Das bedeutet: Wenn wir aus der Geschichte lernen wollen, müssen wir unsere Gesellschaft und unser Verhalten mit einer Vergangenheit vergleichen, die erstens nicht mehr existiert und zweitens so wie dargestellt, niemals existiert haben muss. – Ich möchte mit diesem Argument keinem Geschichtsrevisionismus Vorschub leisten. Geschichtsforschung ist wichtig und hat ihre Methoden, um der Wahrheit näher zu kommen. Ich möchte jedoch darauf aufmerksam machen, dass die Wahrheit keine einfach zu bestimmende Konstante ist.

Fazit: Die Wahrheit und die Suche nach Wahrheit erscheinen mir als vorgeschobene Gründe, um eine eigene Ideologie in Form von Teilwahrheiten umzusetzen. Diese Ideologie muss keine negativen Auswirkungen haben, aber sie wird in Diskussionen meist vernachlässigt, um möglicherweise Macht auszuüben. Aus diesem Grund halte ich es für fragwürdig, wenn sich Geisteswissenschaften der Frage nach der Nützlichkeit entziehen und vorgeben, Wahrheit zu entziffern.