Grenzenlos

Habt ihr euch schon einmal vorgestellt, in einer größeren Wohnung zu leben? Oder in einem größeren Haus? Habt ihr darüber nachgedacht, dass es eigentlich ganz cool wäre, wenn die Eisenbahn nicht jeden Tag am Balkon vorbeifahren würde, oder dass der Kinderspielplatz ruhig noch einen Block hätte weiter hinten sein können? Nein, dann gehört ihr zu den glücklichen Menschen, die ein Zuhause gefunden haben, mit dem sie möglicherweise zufrieden sind. Aber was bedeutet das überhaupt?

In unserem Alltag sind wir meist sehr stark darauf konzentriert, Probleme und Bedürfnisse wahrzunehmen, die uns direkt berühren. Wenn wir Hunger haben, dann essen wir etwas. Wenn wir Schmerzen spüren, dann versuchen wir sie loszuwerden. Meist vergessen wir aber, dass wir keine allumfassende Wahrnehmung besitzen und wir deshalb auch nicht immer alles erkennen können, was uns vielleicht stört. Diese unbewussten Störungen sind es, die uns mehr prägen, als uns das vielleicht lieb ist, weil unser Bewusstsein sie nicht in die Finger bekommt und wir deshalb in ihrer Gegenwart automatisch handeln, anstatt darüber nachzudenken.

Schließen wir die Fenster, wenn uns die Kinder auf dem Spielplatz stören, dann überlegen wir vielleicht nicht, wie wir das Problem in Zukunft vermeiden wollen, sondern wir nehmen es hin, weil unser Bewusstsein dieses Erlebnis nicht als etwas Dramatisches ansieht. Wenn wir allerdings darüber nachdenken, ob uns die Wohnung gefällt, bleibt dieses Gefühl von Unruhe erhalten und wir können nicht ganz einschätzen, woher unser Unbehagen kommt, weil unsere Wahrnehmung den Lärm gar nicht als etwas Problematisches an uns herangetragen hat.

Wir bekommen ein Gefühl von unserer Wohnung, das uns in unserem Inneren verfolgt. Manchmal wird es uns schleierhaft bewusst, wenn wir nach Hause kommen und uns trotzdem nicht beruhigen können. Manchmal werden wir von anderen darauf angesprochen, weil wir selbst die Unruhe bereits durch unsere tägliche Konfrontation ausgeblendet haben. Doch das eigentliche Problem ist nicht, dass uns diese Störfaktoren nicht sofort bewusst werden, sondern dass sie über die Zeit hinweg zu einem Bestandteil unserer Persönlichkeit werden. Wir passen uns an. Wir leben mit diesen Problemen, weil sie uns nicht auffallen. Und irgendwann sind wir selbst diese Probleme.

Ich sehe Wohnungen als erweiterten Teil der Persönlichkeit. Und als Menschen sind wir anfällig gegenüber den Einflüssen unserer Umgebung. Wenn uns etwas an unserem Wohnort stört, werden wir es verändern oder es wird uns verändern. Daraus ergeben sich für mich beispielsweise auch Fragen wie diese: Wenn unsere Wohnungen größer sind, macht es uns etwas aus, längere Wege zurückzulegen? Wenn wir im Dachgeschoss wohnen und schräge Wände haben, beeinflusst das unsere Vorstellung von Ordnung und Ruhe?

Dadurch dass wir unsere Umgebung in den meisten Fällen nicht so gestalten können, wie wir es gern hätten, tragen wir meiner Ansicht nach immer einen Konflikt mit uns selbst aus. Und dieser Konflikt bestimmt letztendlich darüber, was wir für eine Person sein werden. Das Interessante daran ist aber: Dieser Konflikt muss uns nicht einmal bewusst sein. Er belastet möglicherweise unseren Alltag. Und wir bemerken ihn nur in diesen kleinen Gefühlsregungen, wenn wir wieder einmal das Fenster schließen, weil ein Zug vorbeifährt und wir vom Lärm betroffen sind.

Kein weiterer Logos-Film

Es wird keinen fünften Logos-Film geben. Die Filmreihe, die ich 2012 gestartet habe, um mich stärker mit den Extremen der Gefühlswelt einer nachdenklichen Jugend auseinanderzusetzen, endet also mit Besuch. Ursprünglich als fünfteilige Serie geplant, erscheint mir das Material für den letzten Film als zu zerrissen. Ich kann mich sowieso kaum noch technisch mit der Reihe identifizieren, zu lange Einstellungen, zu viele Gespräche mit schlechtem Ton, sehr durchwachsene Schauspielerei. Aber dieser letzte Teil war da noch einmal eine besondere Herausforderung.

Nun, was soll ich sagen? Er war viel zu ambitioniert. Das Material ist durch einen technischen Fehler fast komplett zerstört worden, dem Rohschnitt der übrigen Szenen fehlen Schnittbilder, Gegenschüsse, nachvollziehbare Emotionen, und die in über einem Jahr in von mir beauftragter Sklavenarbeit rotoskopierten Actionsequenzen sind unfertig und fühlen sich nicht gut an.

Deshalb werde ich den Film nicht mehr veröffentlichen. Andere Ideen warten schon darauf, angegangen zu werden, aber ich muss auch einsehen, wenn etwas gescheitert ist, sodass ich daraus für die Zukunft lernen kann. Beziehungsweise habe ich in diesen zwei Jahren bereits daraus gelernt, ich war nur noch nicht bereit dafür, mich vom alten Ballast zu befreien.

Die Klowände des Internets

Das Schreiben ist für mich eine Möglichkeit, Gefühlen Ausdruck zu verleihen, die ich sonst wahrscheinlich ignorieren würde. Ob das Ignorieren nun auf längere Sicht negativ wäre, kann ich gar nicht sagen. Die Wissenschaftswelt ist da auch nicht viel weiter. Ich kann jedoch sagen, dass das konkrete Beschäftigen mit diesen Gefühlen, mir einen besseren Eindruck verschafft, was diese dumpfen Regungen in meinem Körper überhaupt sind. Ist es ein verpasster Zug, der mir den Tag versaut hat? Ist es dieser eine Blick, der mich den ganzen Tag über lächeln lässt? Durch das Schreiben reflektiere ich mein Leben und lasse andere Anteil haben, an diesen Beobachtungen. Ob es ihnen in ihrer Situation hilft, weiß ich nicht.

Ich schreibe trotzdem gern öffentlich, weil diese Möglichkeit des Veröffentlichens, Überall-Lesens, des anonymen In-Kontakt-Tretens, des Verstehens, obwohl man sich nie gesehen hat, etwas ist, das in mir eine gewisse Endgültigkeit der Sache nach sich zieht. Ich schließe mit einem Teil eines Themas ab. Ich kann mich auf neue Erfahrungen konzentrieren. Ich habe etwas erzählt, und wenn man mich danach fragt, dann kann ich darauf verweisen, anstatt dasselbe immer und immer wieder neu erzählen und damit auch neu erleben zu müssen. Das hilft mir, Gefühle zu überwinden, aber auch sie anzuerkennen.

Ich sehe darin eine Chance, mich selbst besser kennenzulernen und anderen etwas zu zeigen, das sie nicht erwarten. Möglicherweise erwarten sie ja auch nicht viel. Das ist auch okay, dann gibt es eben eine größere Überraschung. Mir geht es jedenfalls darum, dass ich mich selbst wohl fühle, weil ich weiß, dass ich mich mit etwas beschäftigt und wieder etwas dazugelernt habe. Ob ich nun über meine Gefühlswelt schreibe oder meine Lieblingsmedien präsentiere, ich entdecke immer wieder etwas, das ich vorher noch nicht so gesehen habe. Und das tut gut. Bloggen ist dabei nur eine unter vielen Möglichkeiten und es liegt an jedem selbst, zu entdecken, was ihn mitreißt und was ihm dabei helfen kann, sich weiterzuentwickeln.

Leipzig, I

Ich bin seit drei Jahren in Leipzig und fühle mich nicht so, als hätte ich irgendetwas Besonderes erlebt oder mitbekommen. Vielleicht liegt das daran, dass ich Städten ab einer gewissen Größe keine Bedeutung mehr beimesse, weil eh alles gleich ist, und Leipzig es gerade so geschafft hat, noch im unteren Teil dieser Belanglosigkeit mit einzusteigen. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich ein ziemlich fauler Mensch bin, dessen Leben aus Internetmemes, Analysen von international angehauchten, politischen Texten und aus populärwissenschaftlichen Youtube-Videos besteht, und ich da keine funktionierende soziale Beziehung zu meinem Wohnort benötige. Aber vielleicht liegt es auch einfach daran, dass ich wirklich sehr viel Zeug in Leipzig gesehen habe und das nicht alles in der Geschwindigkeit verarbeiten kann, die für mich angemessen wäre.

Es spielt keine Rolle. Das Gefühl ist da. Und ich frage mich, ob es mich stört. Ich glaube, dass es mich stört, weil Menschen in meiner Nähe mich immer wieder darauf ansprechen, wie cool doch Leipzig wäre, wie viele geile Veranstaltungen dort sind und was man da kulturell alles erleben kann. Und das lässt mein Schuldbewusstsein aufhorchen: „Hey Henry, was hast du denn eigentlich schon von Leipzig gesehen? Warst du jetzt schon auf dem Völkerschlachtdenkmal? Oder, wenn dich das als Pazifisten nicht so anspricht, vielleicht schon im Grassi-Museum, in das du ständig Leute schickst, wenn sie dich fragen, was sie in Leipzig tun sollen?“ – „Ähm“, ist meine Antwort, „nein, noch nicht.“ Ich war zu Hause, hab Serien geschaut und geschlafen.

In meinem Inneren hingegen denke ich gleichzeitig daran, dass mir das eigentlich alles egal ist. Nicht, weil ich denke, dass Wissen über seinen Wohnort oder über bestimmte geschichtliche Stätten Unsinn ist, aber weil es auf meiner Prioritätenliste, was ich gern wissen würde, eben nicht gerade hoch angesetzt ist. Aber hast du nicht gerade eben geschrieben, dass du faul bist und da Potenzial wäre, noch etwas herauszuholen? Nein. Wenn ich faul bin, dann bin ich faul, dann ruhe ich mich aus, weil mehr Einflüsse in diesem Moment eher kontraproduktiv wären. Aber schreibst du nicht gerade diesen Beitrag und könntest du dafür nicht in Leipzig unterwegs sein und dir etwas anschauen, was du dir immer schon einmal anschauen wolltest. Hört auf, intelligente Fragen zu stellen! Ich war schon in der Spinnerei und im Westwerk und im zeitgeschichtlichen Forum. Aber jetzt gerade nicht. Jetzt bin ich hier und schreibe diesen Artikel, weil ich denke, dass ich mich mit diesem Problem genauer auseinandersetzen muss.

Und soweit ich das beurteilen kann, trifft von den oben genannten Möglichkeiten wohl eher die letztgenannte zu. Ich bin unterwegs, ich schaue mir unglaublich viele Dinge an; auch Dinge, die mich nicht wirklich interessieren, was einen Großteil der künstlerischen Szene in Leipzig ausmacht, weil ich sie nicht kenne, weil ich keinen Zugang zu ihr habe, weil ich mich nicht danach fühle, meine Fühler danach auszustrecken, aber wahrscheinlich dazulernen könnte. Ich schaue mir diese Dinge an, obwohl sie mich nicht interessieren, weil ich für mich denke, dass ich gar keine Ahnung habe, ob sie mich wirklich interessieren. Mir ist nur bewusst, wie unglaublich riesig das Internet ist und was ich dort alles schon gesehen habe. Und nur weil meine wohnliche Umgebung auch Kunst produziert, habe ich eben nicht sofort einen emotionalen Bezug dazu.

In meiner Vorstellungswelt ist diese Kunst meist auch regional gefärbt, was mich immer ein wenig zurückschrecken lässt, obwohl ich nicht einmal richtig weiß, was das bedeutet. Ich denke, dieses mir vom MDR verabreichte Credo meint, dass sich Künstler von ihrer Umgebung inspirieren lassen. Und wie gesagt, ich habe ja nicht wirklich eine Beziehung zu Leipzig, also stößt mich das eher ab und zieht für mich die Beiträge der Künstler noch weiter nach unten, als dass ich mir sage: Hey, jo, Leipziger Kultur, geil. Nein, nicht geil. Manchmal fühlt sich das bei mir so an, als ob ich ein neues Familienmitglied akzeptieren lernen muss, das mir mit seinen oberflächlichen deutschen Eigenheiten auf die Nerven geht, aber dessen innere Stärken ich noch nicht gefunden habe. Eins kann ich euch aber sagen: Ich bin auf der Suche nach diesen Stärken.

Für mich bedeutet das vielleicht auch: Mehr Abenteuer in Leipzig, weniger Computer und Internet. Klingt bisher eher nach einem schlechten Deal. Aber ja, ich gebe die Hoffnung nicht auf, in Leipzig auch etwas zu finden, was mich wirklich mitreißt und mir nicht nur ein eher müdes: „Ja, ist ganz nett“, abringt. Das gilt übrigens auch für dich, Weimar. Ich liebe dich, ja. Aber da geht noch mehr. Ich will geile Startups von dir, noch viel mehr Kunst als Bauhaus und weiterhin so viele großartige Menschen. Ich beobachte dich! Jedenfalls sind jetzt für September noch einige Ausflüge in die Leipziger Kulturszene geplant. Und da ich diesen Beitrag jetzt beenden möchte, lasse ich mich einfach mal überraschen, anstatt vielleicht schon vorher alles kaputt zu denken.